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Gottfried Fliedl

über "Das Museum am Ende der Zeit". Rede zum Österreichischen Museumstag 2021

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über "Das Museum am Ende der Zeit". Rede zum Österreichischen Museumstag 2021

Am Österreichischen Museumstag in Graz im Oktober 2022 stand museumdenken ein ganzer Tag zum Thema "Museum am Ende der Zeit" zur Verfügung. Gottfried Fliedl plante mit Sabine Fauland vom Museumsbund diesen Tag. Hier seine einleitenden Worte.


Es gibt drei miteinander verschränkte Krisen: die Pandemie, den Klimawandel – ein verharmlosendes Wort für die bedrohliche und menschengemachte Erschöpfung der Überlebensressourcen -, und den schleichenden Zerfall des Demokratischen. Wie wirken diese Krisen auf Museen?

Die Auswirkung der Pandemie auf die Museen kann jedermann nachvollziehen. Die Lockdowns hielten Publikum fern, schmälerten die Einnahmen und verschärften die ohnehin schwierige Situation prekär Beschäftigter. Das war aber nur die materielle Seite.

Nachhaltiger und bedrohlicher scheint mir der symbolische Effekt. Die Politik marginalisierte die Museen. Sie waren plötzlich nicht lebensnotwendig, jedenfalls weniger als Friseursalons. Museen wurden geschlossen, viele Dienstleistungsbetriebe durften offenhalten.

Die Museen konnten dem wenig entgegensetzen. Öffentliche Gegenwehr gab es nur vereinzelt und nennenswert nur anlässlich des ersten Lockdown. Ihren gesellschaftlichen Status zu rechtfertigen, darin waren und sind Museen nicht geübt. Museen konnten sich darauf verlassen, als selbstverständliche Träger kultureller Werte fraglos anerkannt zu sein. Das war plötzlich vorbei.

Daß der Klimawandel die Museen betrifft oder betreffen wird, liegt schlicht deswegen auf der Hand, weil diese Herausforderung gewissermaßen total ist. Alles und alle sind betroffen. Der Museologe Krszysztof Pomian hat kürzlich prophezeit, daß die Museen die doppelte Krise von Pandemie und Klimawandel nicht überstehen würden. Er sagt das Ende des Museums vorher. 

Man kann dieser Dystopie leicht entgegenhalten, daß – trotz aller empirischen Erhebungen und Prognosen -, die Zukunft noch immer offen zu sein scheint. Die Pandemie könnte durch den Fortschritt der medizinischen Entwicklung mindestens eingedämmt werden und die Wirkung von dem Klimawandel entgegensteuernden Maßnahmen ist unvorhersehbar. Der vorsichtige Optimismus kann aber keine Rechtfertigung dafür sein, nichts zu tun, bloß durchtauchen, bloß institutionell überdauern zu wollen.

Während diese beiden Krisen, Virus und Klima, in ihren Effekten für die Museumspraxis debattiert werden, gilt das für die dritte Krise, die des Demokratischen nicht. Das ist kein Museumsthema.

Die Aushöhlung des Demokratischen läßt sich am Erstarken autoritärer Politik und Politiker ermessen, am wiederkehrenden Nationalismus, an der zunehmenden Ununterscheidbarkeit von konservativer und rechtsradikaler Politik oder an der Erosion unantastbar geglaubter Menschen- und Verfassungsrechte, etwa in der Flüchtlingspolitik. Besorgniserregend ist auch der Verfall der Öffentlichkeit, an der die sogenannten Sozialen Medien ihren massiven Anteil haben. Und das ist keine vollständige Aufzählung. 

Alle drei genannten Krisen überschneiden und verstärken sich durch ihr Zusammenwirken. Der Zusammenhang zu Pandemie und Klimawandel zeigt sich an tiefen Einschnitten in unseren Alltag und der polarisierenden Politik, die im Namen der Gesundheit aller gravierende staatliche Eingriffe ins Gesellschaftliche rechtfertigt. Dagegen organisiert sich Protest, der sich eben erst zu entwickeln beginnt und von dem eine ernste Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts ausgehen könnte.

„Museum am Ende der Zeit“ ist ein Motto, das alle drei Fragenkreise zusammenfasst, ein Motto, das viele von Ihnen überrascht haben mag, vielleicht auch irritiert und befremdet. 

Auf berufsständischen Hochämtern, wie sie eine solche Versammlung eines Österreichischen Museumstags darstellt, erwartet man nicht Kritik und Krisenreflexion. Der respektable Sinn solcher Treffen liegt in der Selbstvergewisserung und Selbstverständigung einer Berufsgruppe, in der Anerkennung der Arbeit der Museen und ihrer MitarbeiterInnen - auch in ihrer gesellschaftlichen Dimension. Deshalb werden hier Preise vergeben, Bilanzen vorgelegt, über Erfolge und Experimente berichtet. 

Was zu Verunsicherung führen, was kränkend wirken könnte, wird begreiflicherweise eher vermieden. 

Doch die Kränkung ist längst vollzogen. Wenn der Friseursalon Helga vom Staat als vermeintlich lebenswichtig im Lockdown offenhalten kann, das Kunsthistorische Museum aber nicht, dann ist das ein Schock für die Insider der musealen Hochkultur. Man mag Pomians Dystopie vom Ende des Museums als haltlos übertrieben und spekulativ verwerfen, aber der Ernstfall, den er ausruft, ist ja schon eingetreten. 

Weltweit waren und sind tausende Museen geschlossen, eine vollkommen einzigartige und neuartige Situation, und tausende sind von langfristiger oder endgültiger Schließung bedroht. Die Lockdowns stellen die Identität der MitarbeiterInnen infrage, ihre Identifikation mit der Institution, deren Geltung plötzlich auf dem Spiel steht - ihre bislang unantastbare Rolle der Museen als Träger von Hochkultur.

Diese Kränkung auf individueller wie institutioneller Ebene geht aber tiefer. Das hat mit einer merkwürdigen Eigenschaft des Museums zu tun. Als Organisation wie als Archiv der Dinge scheint es unsterblich zu sein. Sammlungen wie Institution kennen kein Ablaufdatum, Museen agieren und existieren nicht innerhalb eines limitierten zeitlichen Horizonts. Damit ist es nun ganz plötzlich vorbei. Die tiefste Erschütterung, die von den Krisen ausgeht, ist die dieser täuschenden außerzeitlichen Geltung dessen, was Museen tun. 

Betroffen sind alle wichtigen Strukturen des Museums. Seine Aufgabe als Archiv, das kollektives Erinnern ermöglicht, steht ebenso in Frage wie die Aufgaben wissenschaftlicher Forschung, deren Erkenntnisinteressen möglicherweise obsolet geworden sind. Wenn die Sphäre vernunftgeleiteten öffentlichen Austausches über das Gemeinwohl bedroht ist, mit anderen Worten jene Öffentlichkeit, in der Interessen ausgeglichen und Bedürfnisse gemeinschaftlich geregelt werden, wo Konflikte unter Anerkennung des Anderen auch im Medium des Konflikts zur Sprache kommen dürfen, dann ist auch das Museum als sozialer Raum bedroht.

Das Museum ist als solcher Ort im Zeitalter der Aufklärung und der bürgerlichen Revolution und Emanzipation als ein tendenziell demokratischer Ort des Aushandelns entstanden, dessen Einzigartigkeit darin besteht, jedermann nicht nur den Zugang zu gestatten sondern auch die Teilhabe an jenen intellektuellen und affektiven Bildungsprozessen, die um überlieferte Gegenstände organisiert, die Bürger zu Staatsbürgern macht.

Museen sind, wen sie von der öffentlichen Hand getragen und aus Steuern finanziert werden (das europäische Modell) Gemeinbesitz. Die Sammlungen gehören den Bürgern. So besehen sind Museen Allmende – gemeinsamer Besitz der gemeinsam gepflegt und erhalten, der gemeinsam genutzt und genossen wird. Darin liegt eine Chance des Museums.

Wenn so viel auf dem Spiel steht, scheint es unumgänglich, eine Debatte darüber zu führen, wie Museen mit der multiplen Krise umgehen können. Das wollen wir heute versuchen. Mit bescheidenen Möglichkeiten. 

Denn die Probleme sind gewaltig, zweifellos überfordernd. Man kann sich, entmutigt von der Größe der Herausforderung entmutigt oder pessimistisch passiv verhalten. Oder man kann gemeinsam nach Auswegen suchen und dabei im Auge behalten, welche spezifischen Möglichkeiten gerade das Museum hat oder, im Gegenteil, wo ihm Grenzen gesetzt sind. Museen sind sehr geübt, auch das Katastrophische aushaltbar und verdaubar zu machen. Durch Ästhetisierung, durch Distanzierung, durch Eventisierung. Dem muß man widerstehen.

Meine Idee ist, daß wir in den beiden Diskussionen mit unseren Gästen, vom individuellen Fall ausgehen, von der einzelnen Institution und der Erfahrung der individuellen Personen. Und daß wir dann zu verallgemeinern versuchen, und uns über denkbare Strategien verständigen. Das wird im Verhältnis zur Problemlage wahrscheinlich wenig sein. Aber ein Anfang.

Aus der Einsicht, daß die nötige Diskussion noch nicht ausreichend geführt wird, die die Probleme anerkennt ohne sich dumm und mutlos machen zu lassen haben wir, Hanno Loewy, Anika Reichwald und ich kürzlich eine Initiative gesetzt. Museumdenken, ein Netzwerk von Personen, das eine museologische und museumspolitische Debatte tragen will und wird. Wir sind unlängst mit unserer ersten Veranstaltung gestartet, vernetzt mit etwa zwei Dutzend Personen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich.




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